Kommentar
„Mit Volldampf ins Erzgebirge“ oder „hin und her … hin und her“!
Von Wilkau-Haßlau aus zwischen 1881 und 1897 in vier Etappen bis ins knapp 42 km entfernte Carlsfeld mit 750 mm Spurweite eröffnet, war die WCd-Linie die erste, steilste und längste Schmalspurbahn Sachsens. Nach dem mehrheitlich in den 1970er Jahren ausgeführten Abriss existieren davon heute nur noch Fragmente. Seit dem Herbst 2021 liegt am ehemaligen Spurwechselbahnhof Wilkau-Haßlau wieder ein 750-mm-Gleis. Dieses Stück mit 73 m Länge erinnert an Zeiten vergangener Schmalspurherrlichkeit. Aber immerhin besinnen sich die ehemaligen Anliegerkommunen „ihrer“ Schmalspurbahn und so hieß es am Wochenende 3./4. Juni 2023, also fast auf den Tag genau 50 Jahre nach der zum 2. Juni 1973 erfolgten Einstellung des Bahnbetriebs zwischen Wilkau-Haßlau und Kirchberg, „Mit Volldampf ins Erzgebirge“.

Für dieses Festwochenende brachte die Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft Pressnitztalbahn mbH (PRESS) am 31. Mai mit ihrem Tieflader die IV K 99 1594-3 der IG Preßnitztalbahn e. V. aus Jöhstadt nach Wilkau-Haßlau. Diese Lok hat für die WCd-Linie eine hohe Symbolkraft, war sie doch ab 1946 – mit kleinen Unterbrechungen – in Kirchberg beheimatet und kam bis zum Frühling 1973 zwischen Wilkau-Haßlau und Kirchberg zum Einsatz. Daher hatten die Veranstalter genau diese IV K für das Festwochenende auf das kurze Gleisstück nach Wilkau-Haßlau „zurückbringen“ lassen.

Durch zahlreiche Aktivitäten in Wilkau-Haßlau, Kirchberg, Schönheide und Carlsfeld – um nur einige der Orte zu nennen – wollten die Veranstalter an diese Schmalspurbahn im Westerzgebirge erinnern. Und das ist ihnen gelungen. Nach dem offiziellen Beginn der Feierlichkeiten am Freitag im Beisein von Barbara Klepsch, der sächsischen Staatsministerin für Kultur und Tourismus, stand dem „Erlebnis Eisenbahn“ am Sonnabend und Sonntag nichts im Weg – und sehr viele Menschen aus der Umgebung ließen sich dieses Ereignis nicht entgehen. Zentrale Rollen spielten dabei das mittlerweile zu einer Begegnungsstätte umgebaute ehemalige Empfangsgebäude von Wilkau-Haßlau, in das eine Ausstellung eisenbahntypischer Ausrüstungsgegenstände und Utensilien sowie eine Modellbahn und ein Café die Besucher lockte – und die angebotenen Führerstandsmitfahrten auf dem neu verlegten Gleis. Nie hätten die Eisenbahner der IG Preßnitztalbahn e. V. erwartet, dass es die Lok auf diesem kurzen Gleisstück in zweieinhalb Tagen auf eine Laufleistung von etwa 30 km (!) bringen würde. Schon am Freitag nutzten viele Besucher der Eröffnungsveranstaltung die Gelegenheit – so auch Ministerin Klepsch – zu einem Besuch auf dem Führerstand der Lok. Freitagabend, Sonnabend und Sonntag ging es dann hin und her … hin und her … hin und her. Mit wahrer Engelsgeduld beförderten die Lokpersonale die Mitfahrwilligen, die beide Tage in längeren Schlangen am Einstieg auf „ihre“ Führerstandsmitfahrt warteten, und beantworteten deren Fragen. Pausen gönnten sie sich und der Lok nur in den Zeiten, in denen Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Wilkau-Haßlau die Wasservorräte der IV K aus einem Wasserwagen heraus ergänzten. Und auch in den Nächten blieb die Lok nicht ohne Aufsicht, die Verantwortlichen der IG Preßnitztalbahn e. V. hatten selbstverständlich eine entsprechende Nachtschicht organisiert.
Ein besonderer „Hingucker“ waren viele in historischen Kleidern erschienene Mitarbeiter der Stadt Wilkau-Haßlau, die die Szenerie ebenso bereicherten wie das dem Stationshäuschen von Schmalzgrube nachempfundene Zelt der IG Preßnitztalbahn e. V. Darin standen zwei „Preßnitztalbahner“ und am Sonnabend ein Kollege der DAMPFBAHN-ROUTE allen Interessierten zu den Schmalspurbahnen in Sachsen „Rede und Antwort“. Sie und erst recht die Lokpersonale waren am Sonntagabend doch recht „geschafft“, aber trotzdem voller positiver Eindrücke über das riesengroße Interesse aller Beteiligten – egal ob als Besucher oder in irgendeiner Form verantwortlich. Und letztere denken sicher schon an eine Wiederholung …
14.06.2023