Schmalspurbahn-Geschichte
Vor 30 Jahren: 1. Dampfspektakel im Mansfelder Land mit Gastlok 99 542 der IG Preßnitztalbahn e. V.
„Wie schnell doch die Zeit vergeht, … das war doch gerade erst.“ So oder so ähnlich beginnen seither viele Gespräche älterer Zeitgenossen. So hörte ich bei den Kaffeekränzchen meiner Großmütter den Geschichten der älteren Damen und Herren zu und ließ mich dabei durchaus voller Interesse in zurückliegende Zeiten versetzen. Mittlerweile ertappe ich mich immer öfter selbst dabei und bin verwundert, wieviel Zeit mittlerweile so manche Erinnerung zurückliegt. Genauso war es bei den Gedanken an das erste große Fest des damals noch jungen, am 16. November 1991 gegründeten Vereins „Mansfelder Bergwerksbahn e. V.“

Nach der politischen Wende in der DDR gab es eine sehr seltene und seitdem nicht wieder erlebte Aufbruchstimmung. Man wollte die gewonnene Freiheit genießen und auch seine Hobbys möglichst frei ausüben. Viele Eisenbahnfreunde durften die Gründung von Vereinen erleben, die Eisenbahnstrecken vor dem Rückbau bewahren oder sogar wiederaufbauen. Es gab unwiederbringliche und unvergessliche Veranstaltungen mit historischen Zügen als sogenannte „Plandampfveranstaltungen“. Alle waren mit Enthusiasmus und viel Organisationstalent dabei.
Neue Ideen braucht das Land …
Nach der Gründung des Vereins „Mansfelder Bergwerksbahn e. V.“ war beizeiten klar, dass auch auf einer Schmalspurbahn gewisse Sonderveranstaltungen den Bekanntheitsgrad erhöhen und Fahrgäste – wie Sonderausstellungen in einem Museum – anlocken. Außerdem ist die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung für die Mitglieder etwas Besonderes und Ansporn zugleich.

So kam es dazu, wie es im richtigen Leben oft der Fall ist, dass Zufälle viele Ideen auslösen. Denn die ebenfalls junge und sehr aktive IG Preßnitztalbahn e. V. war gerade dabei, die ersten Kilometer der ebenfalls 750-mm-spurigen Strecke von Jöhstadt aus wiederaufzubauen und hatte im Raw Görlitz ihre Lok 99 1542-2 in Hauptuntersuchung. Der nächste Zufall war, dass Kay Kreisel mit mir und vielen anderen Eisenbahnfreunden bis einige Jahre zuvor gemeinsam in der DMV-AG „Traditionsbahn Erfurt West“ tätig war und wir uns von daher kannten und schätzten. Hinzu kam die historische Begebenheit, dass von 1951 bis 1954 die Lokomotiven 99 545, 99 574, 99 578, 99 596 und 99 601 (allesamt sächsische IV K) im Rahmen der sozialistischen Hilfe auf der Bergwerksbahn ausgeholfen hatten. Und: Wir waren jung und haben manches einfach gemacht – ohne viel zu fragen und ohne übermütig zu werden. Wir hatten als Bergwerksbahner eine knapp 11 km lange Strecke mit 750 mm Spurweite sowie wenige Personenwagen und die Preßnitztalbahner eine passende Lok für die Umsetzung solch einer Idee.
Vorbereitungen ohne Mobiltelefone

Es sei daran erinnert, dass es 1992/93 noch keine (bezahlbaren) Mobiltelefone gab, „Handy“ hießen die Geräte erst später. Festnetztelefone standen auch noch nicht überall zur Verfügung und moderne Büro-PC sowie das Internet existierten noch nicht. Die Kommunikation verlief im Wesentlichen mit herkömmlichen Briefen über die Post. Nach einem zünftigen Treffen in einer Gaststätte in Helbra mit aktiven Mitgliedern beider Vereine stand es im Januar 1993 fest: Am Wochenende 17./18. April 1993 (eine Woche nach Ostern) soll das 1. Dampfspektakel im Mansfelder Land mit der Gastlok 99 542 aus Jöhstadt stattfinden. Dazu legten wir die Modalitäten der Einzahlung von Teilnehmerbeiträgen per Verrechnungsschecks zur Kostendeckung fest und rührten die Werbetrommel. So versorgten wir die lokalen Zeitungen und die Fachpresse mit Informationen – darunter natürlich auch den Preß´-Kurier.

Es sollte kein Geheimtipp werden, denn die anfallenden Kosten des Loktransportes per Bahn, die Betriebsstoffe und die kulturelle Umrahmung sollten im Wesentlichen im Voraus gedeckt sein. Am 8. April 1993 stand fest, dass die Einnahmen ausreichen würden. Daraufhin informierten wir alle angemeldeten Eisenbahnfreunde, dass die Veranstaltung stattfinden werde. Dazu traf die frisch hauptuntersuchte 99 542 am 15. April 1993 auf einem Schmalspurtransportwagen der DR in Klostermansfeld ein. Die damals dort noch im Bahnhof stationierte Kö schob den Transportwagen zur Entladung zu einem Autodrehkran und am frühen Nachmittag stand die IV K auf den Gleisen der Mansfelder Bergwerksbahn. Das war schon irgendwie etwas sehr Besonderes!
Den Führerstand der Lok hatten Preßnitztalbahner in Görlitz bis zur Unterkante der Führerhausseitenwand mit guter Steinkohle befüllt und somit einen weiteren Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg der Aktion geleistet. Die technische Abnahme der Lokomotive zum Einsatz auf der Mansfelder Bergwerksbahn durch den Landesbevollmächtigten für Bahnaufsicht (LfB) in Sachsen-Anhalt war die nächste Hürde, die es am 16. April 1993 mit der unter Dampf stehenden Lok zu bewältigen galt. Die nach BOA betriebene Werksbahn hatte 1990 spezielle Regelungen für die Personenbeförderung aufgestellt, die es einzuhalten gab. Außerdem musste die angepasste Zug- und Stoßvorrichtung zwecks Kompatibilität zu den Mansfeld-Fahrzeugen abgenommen werden. Ganz aufgeregt saßen Kay Kreisel und ich letztlich im Büro der Bahnwerkstatt gegenüber dem LfB. Nach dem großen Aus- und Aufatmen ging es an das Rangieren und Bereitstellen der Züge für den Folgetag.

Beim Antransport der Loklaternen und Lokschilder für die 99 542 geschah am frühen Abend leider noch ein Autounfall kurz vor dem Ziel bei Polleben. Der Wartburg mit den Utensilien der anreisenden Freunde verunglückte. Lampen und Schilder hatten somit für das Wochenende zunächst nur den Charakter eines Provisoriums. Doch zum Glück war den Insassen nichts Schlimmeres passiert.
Auftakt für weitere Spektakel

Am nun folgenden Wochenende konnten die Züge bis auf eine Ausnahme planmäßig verkehren. Viele Eisenbahnfreunde säumten die Strecke, tausende zuvor nicht machbare Fotografien entstanden und die Schienenköpfe der Schmalspurbahn waren endlich wieder einmal richtig blank …

Was ebenfalls blieb, war der Wunsch und Plan, nun jedes Jahr im Frühjahr mit einem „Dampfspektakel“ eine besondere Veranstaltung zu bieten. Das gelang der Mansfelder Bergwerksbahn e. V. auch bis 2004, danach schwenkten wir mit diesem Eisenbahnfest unter einer anderen Bezeichnung auf den frühen Herbst um. Gern erinnern sich viele Eisenbahnfreunde an diese Veranstaltung. Die Zusammenarbeit mit den Eisenbahnfreunden aus dem Preßnitztal bereitete allen Teilnehmern große Freude und auch zukünftig gab es viele Anlässe der Zusammenarbeit und des Austauschs von Fahrzeugen untereinander.
Doch dieses Wochenende vor mittlerweile 30 Jahren war eben das erste seiner Art und wird uns wohl deshalb in ewiger Erinnerung als ein Abenteuer bleiben. Eines Tages werden wir sagen: „Weißt Du noch, damals 1993, vor langer Zeit, als erstmals wieder eine IV K im Mansfeldischen war. Das waren noch Zeiten!“
14.06.2023